Freiland-Rückführung der Drize und der Aire – Ein Konzept, das Ökologie und städtische Wasserwirtschaft vereint

Erstellt am

•

Aktualisiert am

Die im Laufe des 20. Jahrhunderts kanalisierten und unterirdisch verlegten Flüsse Drize und Aire werden im Herzen der Stadt wieder ans Tageslicht kommen. Dieses ehrgeizige Projekt zur Renaturierung von Fliessgewässern im städtischen Raum verbindet Hochwasserschutz, Regenwassermanagement, Kühlkorridore, die Schaffung von Lebensräumen und multifunktionale öffentliche Räume. Ein neuartiger interdisziplinärer Ansatz, an dem insbesondere Bauingenieure, Wasserbauingenieure, Landschaftsarchitekten, Ökologen und Stadtplaner mitwirken, um das Wasser wieder an der Oberfläche fliessen zu lassen und der Natur im Herzen der sich im Umbruch befindlichen Stadtviertel wieder Raum zu geben.

Kategorien

Fig. 1 Parkplatz vor Beginn der Bauarbeiten – Boissonnas – November 2023.
Fig. 2 Nach den Arbeiten renaturierter Abschnitt – Boissonnas – November 2025.
Fig.3 Renaturierter Abschnitt Boissonnas – April 2026 (© Loris Von Siebenthal).
Fig. 4 Gesamtplan des PAV-Projekts Aire-Drize.
Fig. 5 Detaillierter Plan des renaturierten Abschnitts der Drize.

Quelle: © Artikel Aqua & Gas Nr. 5 | 2026: „Freilegung des Drize und des Aire – ein Ansatz, der Ökologie und städtische Wasserwirtschaft vereint“

Übersicht Wirkung

intendierte Wirkung aus Sicht Regenwasser-management
  • Verdunstung fördern
  • Regenwasser langfristig zurückhalten
  • Oberflächenabfluss reduzieren
  • temporärer Rückhalt zur Brechung von Abflussspitzen
  • kontrollierte Ableitung über Notabflussweg
weitere Wirkung
  • Hitzeminderung
  • Anreicherung Grundwasser
  • Förderung Biodiversität
  • Schaffung von Spiel-, Bewegungs- und Begegnungsraum
  • Verkehrsberuhigung / -reduktion

Projektkontext/-konzept

Das Projekt zur Freilegung der Drize und der Aire im Gebiet Praille Acacias Vernets, Projekt PAV Aire Drize, knüpft an das 1997 gestartete Programm zur Renaturierung der Fliessgewässer des Kantons Genf an. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat der Kanton mehrere Tausend Meter eingedolter Fliessgewässer wiederhergestellt und fast vierzig Kilometer Ufer renaturiert. Diese aktive Politik hat sich weiterentwickelt: Während die ersten Projekte in stadtnahen oder ländlichen Gebieten umgesetzt wurden, stellt sich das Projekt PAV Aire Drize der Herausforderung, funktionsfähige Flüsse in das Zentrum eines neuen, sich entwickelnden Stadtgebiets zu integrieren.

Angesichts der zunehmenden Verdichtung Genfs und der häufigeren Hitzeperioden, die die Beschleunigung des Klimawandels bestätigen, wird die Renaturierung zu einem wichtigen Instrument der städtischen Anpassung. In den kommenden 20 Jahren sollen 2,5 km der Drize und 1,2 km der Aire freigelegt werden und das Rückgrat von neun neuen Quartieren bilden. Zwischen Grange Collomb und der Arve verläuft die Drize seit den 1950er Jahren in 2,5 km langen unterirdischen Galerien. Die ökohydraulische Herausforderung ist beträchtlich: Das neue Gerinne der Drize muss gleichzeitig vielfältige Strömungsverhältnisse ermöglichen, den Hochwasserschutz gewährleisten, das Regenwasser eines sich stark verändernden Einzugsgebiets aufnehmen und vielfältige Lebensräume für die Biodiversität integrieren sowie angenehme öffentliche Räume schaffen.

Erfahrungsbericht

Das Projekt PAV kehrt die konventionelle Planung um, indem die städtische Struktur rund um den Fluss gestaltet wird. Dieser Ansatz erfordert bereits in der Planungsphase eine intensive Zusammenarbeit. Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten, Bauingenieurinnen und Bauingenieure, Hydraulikfachleute, Ökologinnen und Ökologen, Geologinnen und Geologen, Stadtplanerinnen und Stadtplaner sowie weitere Fachpersonen stimmen ihre Anforderungen laufend aufeinander ab. Das Projekt betrachtet jede Phase als Experiment, wobei das Monitoring in die folgenden Etappen einfliesst.
Über die technische Leistung hinaus erfüllt die Realisierung dieses ersten Abschnitts gleichzeitig mehrere Funktionen: Hochwasserschutz, Förderung der Biodiversität, Minderung der Hitze und Wiederannäherung der Bevölkerung an ihren Fluss. Für den Hochwasserschutz bietet die renaturierte Drize eine erhöhte hydraulische Kapazität, Überflutungsbereiche und durchlässige Flächen, die den Oberflächenabfluss reduzieren. Für die Biodiversität schafft das Projekt unterschiedliche Lebensräume von sehr feuchten bis zu sehr trockenen Bereichen und fördert damit Insekten, kleine Säugetiere, Vögel, Libellen und Schmetterlinge. Dazu werden Kiesbänke, überflutbare Terrassen und flach geneigte Ufer wiederhergestellt. Der sichtbare Fluss stärkt das öffentliche Bewusstsein für die Präsenz des Wassers in der Stadt. Die gestalteten Ufer bieten Aufenthalts und Lebensräume mitten im Quartier.

Die im November 2025 eingeweihte erste Etappe bildet den Auftakt für ein zwanzigjähriges Vorhaben, das als kontinuierlicher Lernprozess konzipiert ist, bei dem jeder realisierte Abschnitt in die Planung des nächsten einfliesst. Das Projekt zeigt vor allem, dass es möglich ist, funktionsfähige ökologische Systeme in eine dichte Stadtentwicklung zu integrieren, sofern den Flüssen der notwendige Raum gegeben wird.

Projektinformationen

Ort: Genf, Gebiet Praille Acacias Vernets

Kanton: Genf

Gewässer: Drize und Aire

Geplante Freilegung: 3,5 km

Geschaffene öffentliche Räume: 120 000 m² als linearer Park

Neue Quartiere: 9

Erste Etappe: 450 m renaturierte Drize

Einweihung der ersten Etappe: November 2025

Geplante Realisierungsdauer: 20 Jahre

Weitere Informationen